Segeln bei den Pinguinen

Schon seit einigen Jahren plante ich, einmal im Südatlantik zu segeln. Es locken dort gigantische Pinguinkolonien, Seelöwen, Albatrosse und die faszinierende subantarktische Landschaft. Ich wollte versuchen, in knapp drei Wochen einen kleinen Einblick in die Schönheiten dieses Reviers zu bekommen.

Ende November 2004 war es dann endlich so weit: Wolfgang Wichert - Segelkamerad aus dem ASV in Aachen - und ich kamen nach einem langen Flug auf dem großen Militärflughafen der Falkland Inseln an. Nach der argentinischen Invasion von den Briten gebaut, ist er die Basis für die internationalen Verbindungen der Inseln: Einmal wöchentlich mit Santiago de Chile im Linienflug und dreimal mit London per Militärmaschine.

Wir stiegen schnell um in ein kleines Lufttaxi, nicht ohne vorher unter den kritischen Augen des Piloten gewogen worden zu sein. Nachdem die Plätze optimalem Trimm entsprechen zugewiesen waren flogen wir niedrig über die grasigen Inseln zu einigen Farmen, um Passagiere und Gepäck (z.B. einige Säcke Hafer und Dünger) zu verteilen. Zu den meisten Farmen gehört eine gemähte Wiese als Landebahn, auf der das Flugzeug nach etwa 100m zum stehen kommt. Schließlich landeten wir auf Saunders Island, wo Bauer David Pole-Evans bereits mit dem Landrover an seiner Startbahn wartete. Schnell noch einige Lebensmittel aus seinem Vorrat zusammengepackt und ab ging die einstündige Fahrt quer über Stock und Stein zu einer Bucht, die wegen ihres reichen Tierlebens bekannt ist. Dort verabschiedeten wir uns für die nächsten drei Tage und bauten unser Zelt windgeschützt unter einem großen Felsen auf. Ein Spaziergang zum Strand zeigte, dass überall Pinguine hausen: am Strand, auf den Felsen und - wie Kaninchen in Höhlen - in der Wiese. Der nächste Nachbar, ein Magellan-Pinguin in einem Kaninchenbau neben unserem Zelt, trat gerne mal vor die Höhle um laut zu trompeten (vor allem nachts).

Die nächsten Tage vergingen mit ausführlichen Besuchen bei den Kolonien. Den geschäftigen Pinguinen, die brüten, schwimmen und am Strand herumlaufen, zuzuschauen ist sehr interessant. Bleibt man ruhig liegen, kommen sie bald neugierig herbei und zupfen vorsichtig an der Kleidung. Die Albatrosse sitzen auf Ihren blumentopfähnlichen Nestern aus Lehm und kraulen sich paarweise mit den Schnäbeln das Gefieder, die See-Elefantenbullen liegen tonnenschwer in der Sonne und dösen. Es gibt mehr als ein Dutzend Arten von Vögeln und die Tiere zeigen kaum Scheu - ein Paradies.

Viel zu früh warten wir wieder auf David und seinen Landy, und flogen, nachdem wir seine Farm noch kurz besichtigt hatten, nach Stanley, der Inselhaupstadt.

In Stanley wohnen 2.000 der 5.000 Bewohner der Inseln. Diese stehen in Treue zu Ihrem britischen Mutterland, deswegen ist alles so britisch wie möglich. Das Klima entspricht etwa dem von Schottland, Schafzucht und Fischerei sind die wesentlichen Wirtschaftszweige.  Jeder kennt praktisch jeden, und über eine Art CB-Funk bekommt auch jeder mit, was sich auf den Inseln tut. So waren wir schon angekündigt und konnten unser Bed & Breakfast bei einer netten Dame beziehen. Kay McCallum kocht nicht nur gut und inseltypisch, sie kennt auch alle Details der jüngeren Geschichte der Inseln und kann davon faszinierend erzählen.

Nach der Einsamkeit des Zeltens tat es gut, wieder einmal zu duschen und einkaufen zu gehen. Unsere ersten Schritte gingen natürlich zum Anleger, um nach unserem Segelboot Northanger zu sehen. Es stellte sich heraus, das sich die Northanger noch gegen stürmische Winde von South Georgia (wo es noch mehr Pinguine und noch großartigere Landschaften gibt) herankämpft. Dort hatte das Eignerehepaar Keri & Greg mit Freunden die letzten sechs Wochen verbracht. So besuchten wir das kleine Museum und alle anderen Attraktionen, insbesondere eine große Zahl von Wracks alter Rahsegler, die es nur knapp um Kap Horn geschafft haben und hier aufgegeben wurden.

Endlich lag die Northanger am Steg und nach dem wir vermuteten, Keri und Greg hätten ausgeschlafen, gingen wir an Bord. Die Northanger ist eine Stahlketsch von 16m Länge mit aufholbarem Kiel, die vor gut 20 Jahren von Bergsteigerfreunden gebaut wurde, um entlegene Berge der Antarktis anzulaufen und zu besteigen. Die Kanadierin Keri und der Neuseeländer Greg verbrachten die letzten zwanzig Jahre an Bord des Schiffes. Greg ist berühmter Bergsteiger mit dem Schwerpunkt arktischer „Big Walls“, d.h. er zieht sich, sowie Biwakausrüstung und Material in tagelangen Touren tausende von Metern hohe Granitwände hoch.

Nun galt es also, Proviant zu kaufen, aufzuräumen und zu reparieren. Die Arbeit wurde oft durch Besucher unterbrochen, die zum Tee kamen und von Ihren Erlebnissen berichten. Wir lernten ein Ehepaar kennen, dass die Region in einem Katamaran bereist und den Schiffer der eisverstärkten 75 ft Yacht Pelagic Australis, die ebenfalls gerade aus South Georgia kam. Langsam wurden wir mit unserem Schiff und der Antarktis-Seglerszene vertraut.

Die Northanger ist zweckmäßig und gemütlich eingerichtet, auch wenn sich der Innenausbau sehr am Kielkasten, der das Schiff teilt, ausrichten muss. Die navigatorische Ausrüstung beschränkt sich auf Lot, Radar, GPS und eine Amateurfunkanlage. Logge und Windanzeige werden durch Gefühl ersetzt, ein Barometer würde wahrscheinlich auch nur die Mitsegler durch seine Ausschläge erschrecken. Der Kompass ist nicht kompensiert, da der Kurs ja am GPS abgelesen wird. Es gibt auch kein Cockpit mehr, seit die Cockpitwanne quasi umgedreht eingeschweißt wurde, um Stehhöhe im Achterschiff zu schaffen.  Die ungeschützte Position des Steuermanns auf dem Ruderquadranten weit hinter dem ehemaligen Cockpit kommt uns, da es auch kein Sprayhood gibt, für antarktische Verhältnisse relativ exponiert vor. "Wenn Keri und Greg so regelmäßig in die Antarktis segeln, muss es wohl auch so gehen" sagten wir uns im Vertrauen auf die nachgewiesene Kompetenz der Eigner.

Schließlich planten wir die Überfahrt nach Patagonien und suchten die Seekarten - Kopien von Karten aus den 50er Jahren - zusammen. Sally Poncet kam zu Besuch und zeichnete die besten Ankergründe in die Karte ein. Sally und ihr Mann Jérôme waren die ersten, die systematisch in der Antarktis segelten und dort auch auf ihrer Yacht Damien II überwinterten. Ihre drei Söhne segelten von Geburt an mit. Schließlich kauften die Poncets  eine kleine Falklandinsel, wo sie eine Schaffarm betreiben. Sally ist Ornithologin und Expertin für antarktische Vogelkolonien.

Am Tag nach diesen interessanten Besuchen warfen wir die Leinen los und segelten an der Südküste der Falklands entlang. Der Wind kam ziemlich von vorne, so dass wir unser Ölzeug noch um stabile Handschuhe ergänzten. Bewährt haben sich die leuchtend orangen, gefütterten Gummifäustlinge aus der Heizöl-Branche; leider sind sie wenig fotogen. Bald warfen wir Anker in einer geschützten Bucht.

Der stürmische nächste Tag verlockte nicht zum Auslaufen, so dass Wolfgang und ich nach Dingen suchten, die wir zerlegen und wieder zusammenbauen konnten. Dabei fiel uns als prominentestes Objekt die Pumpe der Bordtoilette in die Hände, die vorher schlecht saugte. Nachdem sie zur großen Freude aller wieder an ihrem Platz war gab es einen perfekten falkländischen Lammbraten und chilenischen Rotwein.

Nach dem folgenden Tag unter Motor gegenan machten wir noch einmal in einer Bucht halt, um ein günstiges Wetterloch abzuwarten. Die Bucht die wir anliefen entpuppte sich als Geheimtipp für Pinguinliebhaber. Es war mittlerweile windstill und 20°C warm geworden. Ein Spaziergang führte in tropischem Ambiente - feinem Sandstrand und türkisfarbiges Wasser - zu einer etwas deplaziert wirkenden Pinguinkolonie. Die Eselpinguine hatten bereits große Junge, die fast pausenlos gefüttert wurden.

Nach intensivem Studium der Satelliten-Wolkenkarte und der Windvorhersage wagten wir dann den Sprung nach Patagonien. Es galt außerdem, die Le Maire-Straße bei Stillwasser zu erreichen, da die See dort sonst sehr unruhig sein kann. Es war faszinierend, durch die dämmrige Nacht zu segeln, begleitet von Albatrossen und mit dem Wissen, dass im Süden die Antarktis nicht mehr weit ist. Beim Passieren der Staaten-Insel kam Nebel auf, der sich erst im Beagle-Kanal lichtete. Wir meldeten uns über Funk bei den Behörden an und ankerten spät vor einem kleinen Militärstützpunkt.

Tags drauf - die Sicht auf die grandiose Bergkulisse war nun gut - ging die Fahrt weiter nach Puerto Williams. Wir meldeten uns immer vorschriftsmäßig per Funk, um weder bei den Argentiniern - denen hier die eine Seite des Beagle-Kanal gehört - noch bei den Chilenen auf der anderen Seite in Ungnade zu fallen. In Puerto Williams fuhren wir dann einen Anleger (der sturmerprobten Northanger Stammcrew war eine gewisse Anspannung anzumerken - Anleger werden in diesem Revier nicht so häufig gefahren …) an dem legendären auf Grund sitzendem Dampfer Micalvi, in dem der südlichste Yachtclub der Welt logiert. Hier machen alle Yachten fest die zwischen Süd-Georgien, der Antarktis und Patagonien unterwegs sind. Entsprechend interessant sind die Gespräche beim abendlichen Barbecue. Wir hatten das Glück viele der legendären Yachten zu treffen: Die Pelagic und Pelagic Australis, die anspruchsvolle Charterfahrten unternehmen, die Le Sourire, die mit Hugues und Marie Paul mit ihren Kindern zwischen der Antarktis und Patagonien pendelt, die Saudade III, mit der Giorgio und Mariolina seit vielen Jahren in den patagonischen Kanälen segeln.

Wir wanderten noch auf den Hausberg, von dem man einen guten Blick in Richtung des 70 sm entfernten Cap Hoorn haben soll, aber aufkommender Nebel nötigte uns vor dem Gipfel zur Umkehr. Am nächsten Tag segelten wir dann bei besten Verhältnissen nach Ushuaia. Die Stadt ist der südlichste Vorposten echter Zivilisation mit Einkaufsmeile, argentinischen Steakhäusern und internationalem Flughafen. So packten wir nach einem Stadtbummel unsere Sachen, um uns tags drauf schweren Herzens von Keri und Greg zu verabschieden.

Wer einmal in diesem Revier segeln durfte, den lassen die die Erinnerungen an Albatrosse und Pinguine, an eiskalten Wind und glasklare Luft nicht wieder los. Vor allem aber sind es die Herzlichkeit und Verbundenheit der Menschen in dieser Region - Bewohnern wie Seglern - die unsere Eindrücke prägten.

 

Bilder

 

Reiseroute (oben Flugzeug, unten Northanger)

Windgeschütztes Zelten auf Saunders  

Wolfgang und neugierige Eselpinguine

Felsenpinguin

 

Saunders Island "The Neck"

Königspinguine auf Saunders Island

 

See-Elefanten (Saunders Island)

See-Elefant (Saunders Island)

 

See-Elefant (Saunders Island)

Eselpinguine (Saunders Island)

 

Schwarzbrauenalbatrosse (Saunders Island)

Trankessel, in dem früher Pinguine gekocht wurden, und Geier (Saunders Island)

Pelagic Australis und Northanger

Wolfgang und Greg motoren durch den Süd-Atlantik

 

Pinguine und Northanger

 

Eselpinguine mit Jungen

Keri und Greg filmen Eselpinguine

 

Warten auf Wind bei den Falkland Inseln

Greg liest E-Mails und beobachtet das Radar im dichten Nebel vor dem Beagle-Kanal

 

Yachtclub am Ende der Welt (Puerto Williams)

Northanger und andere Hochseeyachten

 

Die argentinische Gastlandflagge hat schon etwas gelitten

Segeln im Beagle-Kanal

 

Ushuaia in Sicht

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